Alpin-Allrounderin: Simone Heer

Simone Heer ist ein spät berufenes alpines Multisport-Talent. In München arbeitet sie im Eventmanagement der Globetrotter Filiale.
Julian Rohn

Nicht jeder Globetrotter Mitarbeiter wird direkt mit Skistiefeln oder Bergschuhen geboren. Simone Heer war bei ihrer ersten Skitour bereits eine junge Frau. Die damals 22-jährige Sauerländerin wählte – nach eigenen Angaben etwas naiv – für ihre Premiere ein Tourenziel der Superlative, die 4634 Meter hohe Dufourspitze im Wallis, den höchsten Gipfel der Schweiz; doch die ­anspruchsvolle und hochalpine Ski­besteigung endete ohne Gipfelsieg. »Dass wir scheitern könnten, hatten wir gar nicht auf dem Plan«, erinnert sich Simone und muss lachen.
Ihre alpine Karriere war bis dahin recht überschaubar: Die ersten Schwünge im Schnee machte Simone mit Gummistiefeln auf Holzski im Skiliftkarussell Winterberg, Nordrhein-Westfalen. Der Höhen­unterschied zwischen Tal- und Bergstation beträgt dort 190 Meter. »Die Skitour in der Schweiz war eine totale Hauruck-­Aktion«, räumt Simone ein, »ich bin mit Freunden in neun Stunden von Köln nach Zermatt runtergeknallt, wir hatten halt nur das Wochenende Zeit.« Die vergangenen zwei Jahre hatte Simone zwar immer mehr Zeit in den Bergen investiert, im Sommer war sie klettern, im Winter stand sie regelmäßig auf Skiern, aber vom Sauerland auf die Dufourspitze, das konnte nicht gut gehen, zumal sie den ­Anstieg mit starren ­Alpinskischuhen ­anstatt flexiblen Tourenski­stiefeln und ge­liehenen Ski in Angriff nahm. »Ich bin eigentlich sehr gesprächig, aber nach 20 ­Minuten mit schwerem Kletter- und Übernachtungsgepäck herrschte bereits Ruhe«, schmunzelt Simone. Den Zustieg zur ­Monte-Rosa-Hütte schaffte sie noch, doch »dann streckte mich eine Grippe nieder«. Auf der Berghütte des Schweizer Alpen-Clubs war Endstation.

Weggefährten zum Pushen

Heute kann Simone Heer, 40 Jahre alt und Marketingmitarbeiterin in der Münchner Globetrotter Filiale, über das gescheiterte Husarenstück lächeln. Sie ist Fachübungs­leiterin Hochtouren im Deutschen Alpen­verein. Aus der verkorksten Skitour zog sie damals die richtigen Schlüsse: »Ich suchte mir passende Touren und Weggefährten, die mich an richtiger Stelle bremsen, aber auch pushen.« Simone verlegte ihren Lebens­mittelpunkt näher an die Berge. Richtete sich nahe München ein und steigerte ihr Training. »Ich wollte so fit sein, dass ich rein sportlich alle meine Tourenziele erreichen kann.«

Archiv Simone Heer

»Carpe diem« ­­­– nutze den Tag – ist jetzt ­Simones alpiner Leitspruch

Mit Erfolg: Die Gipfel wurden höher, ­schwieriger, und die Expeditionen weiter: So konnte sich Simone auf Kilimandscharo (Tansania, 5895 m), Aconcagua (Argentinien, 6962 m), Damawand (Iran, 5604 m) und Khan Tengri Nord (Kirgisistan, 7010 m) ins Gipfelbuch eintragen – alpine Höchstleis­tungen einmal um den Erdball. Dabei waren Frauen damals auf den Gipfeln noch eine Minderheit. »Wenn ich früher in einer reinen Frauenseilschaft geklettert bin, sind wir noch aufgefallen«, entsinnt sich Simone, »Männer wollten uns oft beschützen, obwohl sie uns nicht kannten und wir besser klettern ­konnten.« Auf ihren Expeditionen war ­Simone meist die einzige Frau, aber es fiel ihr nicht schwer, sich in ­dieser Männerwelt ­zurechtzufinden. Davon profitiere sie immer noch, findet sie: »Ich hatte zum Glück immer Partner, die mich nicht einfach in ein Seilende einge­hängt haben, sondern zu einer eigen­ständigen Bergsteigerin gepusht haben.« Auch mit dem Leistungsdruck und Wettkampf­gedanken unter Kerlen kam sie gut zurecht. »Ich denke, viele Menschen – egal ob Mann oder Frau – definieren sich über sport­liche Leistungen und genießen dafür die Aner­kennung.« Am nötigen Selbstbewusstsein ­mangelt es Simone dabei nicht: »Wenn du am hohen Berg nicht im Stehen pinkeln kannst, dann musst du dich eben mit nacktem Hintern hinhocken können«, erklärt sie in ihrer sehr direkten und offenen Art. Könnte der Bergsport nicht ebenso gut von Frauen profitieren? »Von mir nur eine Klischeeantwort«, grinst Simone, »gesünderes Essen im Basecamp und ­ni­veauvollere Gespräche in den Zelten!«

Die Zeichen der Zeit

Die Zeiten ändern sich. Alpinistische Höchstleistungen werden in den letzten Jahren von immer mehr Frauen vollbracht. Auch der ­Deutsche Alpenverein (DAV) unterstützt eigens ein Frauenteam im DAV-Expeditionskader. Im Breiten­sport wächst der Frauenanteil ebenfalls massiv. 40 Prozent der DAV-Mitglieder sind inzwischen weiblich. Diese Veränderungen stellt Simone Heer in den vergangenen Jahren auch im Kundenkreis von Globetrotter fest. Seit ­sieben Jahren arbeitet sie im Event­management der Münchner Filiale, von Jahr zu Jahr gebe es in den Regalen ein wachsendes ­Angebot an Produkten, die speziell auf Damen zugeschnitten sind und als Folge davon »mehr und mehr Kundinnen«. Für die Hersteller von Bergsportausrüstung keine leichte Aufgabe. Männer gelten als intuitive Käufer mit eher eindimensionalem Anspruch, die vor allem Funktionalität in den Vordergrund stellen. Frauen seien die anspruchsvolleren und strukturierteren Kunden, erklärt Simone Heer. Sie achten beim Kauf auf deutlich mehr Faktoren: Qualität, Aussehen, Passform, technische ­Details und Preis stünden bei Kundinnen ­ebenso­ im Fokus wie ein tadellos funktio­nierendes Produkt. Im Trend liegen dabei nicht nur modisches Outdoor-Outfit, sondern auch geschlechtsspezifische Bergsportausrüstung, von der auch Simone Heer auf ihren Expe­ditionen und Skitouren profitieren konnte: Kürzer geschnittene Isomatten, Rucksäcke, die im Beckenbereich breiter geformt sind, und Klettergurte mit verstellbaren Beinschlaufen sind nur einige Beispiele aus einem inzwischen umfangreichen Angebot.

Vor zwei Jahren ist Simone Heer Mutter ge­worden, die Geburt ihres kleinen Sohnes Vitus hat ihr Leben total umgekrempelt. Gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang zog sie von ­München nach Gmund am Tegernsee, noch ein Stück weiter in die Berge. Für Simone ist es vermutlich inzwischen eine größere Heraus­forderung, Beruf, Familie und ihre Bergsportleidenschaft unter einen Hut zu bekommen, als einen Hochgebirgsgipfel zu erklimmen. Auf jeden Fall verlangen die neuen Lebensumstände nach maximalem Organisationstalent, aber auch nach veränderten Gewohnheiten, weil Simone ihre Aufgaben mit den alltäglichen Strukturen des Kindes zu verflechten versucht. Ihre Outdoorabenteuer sind daher kleiner ­geworden, spielen sich jetzt in ihrem Wohnumfeld ab und wollen in den Alltag integriert werden; »Carpe diem« – nutze den Tag – ist ihr alpiner Leitspruch. Die Anforderungen an ihre Touren sind knapp umrissen: schnell, kurz und intensiv. Dafür musste sie ihre eigenen Ansprüche etwas herunterschrauben: »Früher hätte ich für eine Skitour mit nur 600 Höhenmetern gar nicht meine Ski angeschnallt«, lacht ­Simone. Heute muss sie diese Gelegenheiten mit Ski, Mountainbike oder Wanderschuhen als Microadventures nutzen, in einem engen Zeitfenster zwischen Berufsalltag und Kinderbetreuung. Ohne einen verständnis­vollen ­Partner wäre das vermutlich unmöglich. »Ich habe das große Glück, mit meinem Mann die Leidenschaft Bergsteigen teilen zu ­können.« Der Fuhr- und Ausrüstungspark der jungen ­Familie ist inzwischen beträchtlich gewachsen, im Keller stapeln sich Ski, Rennräder, Kletter­ausrüstung neben Fahrradanhänger, Kraxe und Schlauchboot. Sohn Vitus darf Mama und Papa selbstverständlich beim Bouldern, Biken oder Wandern begleiten. Ein Glück für ihn, dass er den Bergsport bereits in seine Wiege gelegt bekommen hat!

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