Hike and Fly: Wandern und Gleitschirmfliegen
Hike and Fly: Wandern und Gleitschirmfliegen
In Stille und Dunkelheit den Berg hinauf und dann, mit den ersten goldenen Sonnenstrahlen, den Gleitschirm ausbreiten und ins Tal gleiten. Ein Hike and Fly ist ohnehin schon besonders. Im Herbst aber wird daraus ein fast magisches Erlebnis.
TEXT: Paragliding Academy – deine Gleitschirmschule im Allgäu
FOTOS: Rasmus Kaessmann, Falko Staps
Die Sinne auf den Wind gerichtet
Der Wecker klingelt mitten in der Nacht. Das ist nicht angenehm, so ehrlich bin ich, aber gleichzeitig weiß ich, dass es sich lohnen wird. Wenig später folge ich bereits dem gedimmten Lichtkegel meiner Stirnlampe den Berg hinauf – im Kopf eine angenehme Leere von trägen Gedanken, auf dem Rücken ein kleiner 25-Liter-Rucksack. Bald schon erreiche ich den ersten Aussichtspunkt: die Lichter im Tal leuchten, ebenso die Sterne am schwarzen Himmelszelt. Es ist ganz still. Angenehm frisch. Vollkommen friedlich.
Eine gute Stunde später stehe ich am Sattel, von wo aus man den Gipfel einsehen kann. Der Morgen kündigt sich am Horizont schon deutlich an, die Stirnlampe wird bald nicht mehr nötig sein. Wo früher mein Hirn einfach nur abschätze, wie lang es wohl noch bis oben dauern wird und wie wohl die Chancen auf gute Fotos sein würden, klingen seit einigen Jahren bei mir ganz andere Sensoren an: Wie fühlt sich die Luft an, spüre ich Wind? Aus welcher Richtung? Laminar oder böig? Ich versuche mich nicht allzu sehr darauf zu konzentrieren, denn letztendlich reicht es, wenn ich mich oben darum kümmere. Jetzt gerade bin ich beim Wandern, ich will das genießen anstatt mit dem Kopf in der Zukunft zu stecken.
Im Moment sein – oder es zumindest versuchen!
Während ich die letzten Meter gehe, steigt Freude in mir auf. Die Chancen stehen gut, dass ich den Abstieg dank ein paar Quadratmeter Stoff erheblich verkürzen werde. Ich nehme mir dennoch Zeit, den Moment völlig wahrzunehmen. Ich zwinge mich zu dieser Ruhe, es ist einfach so wunderschön hier oben. Natürlich hinterfragt eine Stimme in mir, ob ich nicht besser die guten Bedingungen gleich nutzen sollte, zu oft ist es schon passiert, dass der Wind plötzlich drehte oder ungünstig auffrischte. Aber nein, heute an diesem womöglich letzten warmen Herbstmorgen möchte ich den Moment genießen. Eine Mischung aus Melancholie und Dankbarkeit liegt gemeinsam mit der feinen Dunstschicht über den bunten Wäldern und gelben Bergflanken – ein herrlicher Sommer liegt zurück, unfallfrei und voll mit intensiven Erlebnissen. Bald werden wir hier wieder mit Grödel aufsteigen, dick eingepackt in warme Daunenklamotten und beheizbare Handschuhe. Wir werden frieren und uns mit gewisser Ungläubigkeit an jene Tage zurückerinnern, wo man hier einfach in leichter Hose und dünner Jacke sitzen und gucken konnte.
Genau hinspüren: Passt wirklich alles?
Während das zarte Rosa über das Himmelszelt wandert und nun jeden Moment den Horizont erreichen wird, schlüpfe ich in meine Ausrüstung. Sie ist radikal reduziert, wiegt insgesamt nur 3 Kilo und besteht nur aus einem kleinen Beutel mit Gleitschirm und minimalistischem Gurtzeug und einem weiteren Päckchen, in dem ein Rettungsfallschirm gepackt ist. Während ich den Gleitschirm ausbreite und die Leinen auf Knoten kontrolliere, erinnere ich mich grinsend daran, dass ich während meiner Grundausbildung meine Fluglehrerin entnervt gefragt hatte, ob ich das mit all den Leinen jemals lernen würde. Sie hatte damals gelacht und »das wirst du!« geantwortet. Sie hatte natürlich recht, inzwischen sind die Handgriffe völlig Routine, das Vorbereiten dauert keine fünf Minuten.
Gerade als die Sonnenstrahlen mein Gesicht erreichen, erledige ich die letzten Checks. Der Wind ist gut, die wichtigen Schnallen geschlossen, die Bremsen liegen richtig in der Hand. Ich halte noch einmal kurz inne, spüre, ob für mich alles passt und treffe die Entscheidung zum Start. Mit einem einzigen kräftigen Impuls steigt der Gleitschirm über mich, ich gebe ihm Zeit dafür, spüre in diesen Sekunden intensiv, ob sich alles gut anfühlt. Wenn ich das mit »ja« beantworte, beschleunige ich meinen Schritt und lehne mich ein wenig nach vorne. Nur wenige Schritte sind nötig und ich spüre bald, wie der Gleitschirm mich trägt. Warte noch kurz für den Fall, dass ein Problem auftauchen sollte und lasse mich dann in mein Gurtzeug rutschen. Der kritischste Moment eines Fluges ist geschafft, sofort schalte ich von voller Konzentration um in den Genuss-Modus: Hände loslassen, die Landschaft wahrnehmen. Der Wind umtanzt Kragen und Knöchel, ich höre nichts außer das Rauschen des Fahrtwindes.
Einfach so. Wie kann das sein?
Ich fliege knapp über ein Gipfelkreuz, nah entlang von Felswänden und zelebriere dieses verrückte Privileg, die Landschaft von oben sehen zu dürfen. Wege, Felsen, die bunten Wälder, der Tobel, durch den ich heute morgen aufgestiegen war… Irgendwann überfliege ich das Dorf, von wo ich im Dunkeln gestartet war. Kaum Autos sind zu sehen, noch weniger Menschen. Alles scheint erst gerade zu erwachen. Mit ein paar sanften Schritten setze ich wieder auf dem Boden auf, nur wenige Meter neben meinem Bus. Der Gleitschirm, gerade noch gefüllt von Wind, sackt in sich zusammen und fällt zu Boden. Ein Wunder, immer wieder. Bevor er sich vom Tau der Wiese vollsaugt, verstaue ich ihn im Auto, lege Gurtzeug und Helm ab und setze mich nur wenige Minuten später mit einer dampfenden Tasse Kaffee in die Türe meines Busses. Die Sonne kommt gerade über den Hügel und scheint mir abermals in das Gesicht. Es fühlt sich an wie ein zweiter Sonnenaufgang – fast ein bisschen surreal. Oft habe ich das Gefühl, dass die Seele gar nicht so schnell hinterher fliegen kann – gerade war man noch da oben und jetzt, keine 15 Minuten später, ist man wieder hier. Nahezu lautlos, völlig autark. Einfach so. Wie kann das sein? Es ist ein Geschenk.
Unsere Globetrotter Ausrüstungstipps
für deine Sonnenaufgangs-Wanderung
FAQ – Hike and Fly
Was ist Hike and Fly?
»Hike and Fly« bedeutet, dass man mit der gesamten Ausrüstung auf dem Rücken zu einem Startplatz wandert und von dort dann mit dem Gleitschirm startet, anstatt zu Fuß abzusteigen.
Was wiegt so eine Ausrüstung?
Achtet man auf ein gewisses Maß an Sicherheit, wiegt die reine Ausrüstung (Gleitschirm, Gurtzeug, Rettungsgerät) ohne Helm und restliches Wandergepäck rund fünf Kilo und kostet rund 5.000 Euro. Wer bereit ist, auf jegliche Absicherung zu verzichten, kommt auf eine Ausrüstung von rund einem Kilo – diese Ausrüstung passt in einen Turnbeutel.
Wie findet man passende Startberge? Was ist rechtlich zu beachten?
Die »Burnair Map« ist aktuell »state of the art«, was den Überblick von Startplätzen angeht: Dort sind alle Startplätze auf einer Karte eingezeichnet, inklusive der möglichen Startrichtung und wichtigen Sicherheitshinweisen.
Rechtlich ist zu beachten, dass man in Deutschland ausschließlich von offiziell zugelassenen Startplätzen starten darf. Mit einer A-Lizenz ist es zudem nur erlaubt, auf dem dazugehörigen offiziellen Landeplatz zu landen – eine Außenlandung (z.B. neben dem Auto/dem Bahnhof) ist nicht zulässig.
Was ist die Herausforderung?
Die Herausforderung bei alpinen Hike&Flys ist vor allem, dass man alle wichtigen Informationen meist allein evaluieren muss: Kommt der Wind »gesund« aus einer Richtung oder befinde ich mich in einem Lee? Reicht der Platz, um sicher abheben zu können? Reicht mein Gleitwinkel bis zum Landeplatz? Ist der Landeplatz unten im Tal für mein Können geeignet? Herrscht womöglich starker Talwind, mit dem ich nicht sicher umgehen kann? Gibt es Luftraumbeschränkungen? Wer sich das anfangs nicht zutraut, kann eine der vielen Hike&Fly-Angebote von lokalen Flugschulen buchen. Wer erstmal antesten möchte, ob Gleitschirmfliegen wirklich was für einen ist, kann einen Tandemflug beim Profi buchen oder einen Schnupper-Gleitschirmkurs besuchen.
Tipp für Einsteigende
Defensiv bleiben! Das Starten eines Gleitschirms ist oft schnell erlernt. Der Flug endet jedoch nicht mit dem Start – ist man erstmal in der Luft, muss man mit den Bedingungen unterwegs sowie auch bei der Landung umgehen können. Nichts wirft einen in der Flugkarriere stärker zurück als ein negatives Erlebnis, sei es starke Turbulenzen, starkes Sinken, starker Wind am Landeplatz oder verzweifelte Versuche, irgendwie runterzukommen.
Besonderheiten im Herbst
Der Herbst eignet sich perfekt für Hike and Fly: Der Wind ist meist schwach, die Bedingungen während des Fluges ruhig und jene am Landeplatz sind einfach. Manchmal machen jedoch Hochnebel Probleme oder die Kürze der Tage – hier braucht es eine gewissenhafte Planung sowie die Bereitschaft, notfalls auch wieder zu Fuß abzusteigen (Stirnlampe!).