Der Ruf der Wildnis

Lars Hoffmann
Bekannt wurde Lars Hoffmann, als er mit seinem Bruder Niels 2010 die Donau mehr als 100 Tage lang bis ins Schwarze Meer paddelte. Bei diesem Trip sind eine sechsteilige Fernsehserie für 3sat und ein Buch entstanden. Inzwischen ist Lars mit seiner Partnerin Malin Strid nach Schweden übergesiedelt, wo sie mit ihren Schlittenhunden leben.

Wie ich hauptberuflicher Abenteurer wurde, habe ich gar nicht so richtig bemerkt. Ich bin einfach immer dem nachgegangen, was mich begeisterte und herausforderte, was kühn auf mich wirkte und Unentdecktes versprach. Erst ging ich auf Reisen in entlegene Wildnisgebiete, immer länger, immer weiter raus, mit Zelt und Rucksack, im Kanu oder im Winter auf Skiern. Dann folgte die Auseinandersetzung mit der Fotografie in der Natur.

Aus Alaska brachte ich irgendwann einen jungen Alaskan-Husky mit, den schwedischen Namen Flicka hatten ihr bereits die Vorbesitzer gegeben. Rückblickend könnte man glauben, dass das ein Zeichen war. Denn seit einigen Jahren haben Malin und ich unsere Husky-Basisstation in einer wunderbar entlegenen Region im Norden Schwedens.

Lars Hoffmann Lars und Malin mit vier ihrer vierpfotigen Freunden.

Hier leben wir mit über 40 Hunden, von hier aus starten wir zu unseren Trainingsrunden im Sommer und Herbst und zu unseren langen Touren und zu recht extremen Hundeschlittenrennen im Winter. Wir lieben unsere Hunde – sie geben uns die Energie und den Enthusiasmus, den man für ein solches Unterfangen braucht.

Einsame Stille

Wir hören recht oft die Frage, wie es ist, allein mit seinem Huskyteam tagelang durch entlegene, wilde Landschaften zu fahren, so ganz auf sich gestellt. Die Antwort darauf lautet: Es ist immer wieder ein wunder­sames, tiefgreifendes, wirklich echtes – und wirklich süchtig machendes – Erlebnis.

Und es ist auch jedes Mal etwas anders. Manchmal ist es beispielsweise wunderbar still: Der viele Schnee dämpft dann alle Geräusche, nur das leise Surren der Schlittenkufen ist zu hören. Vor mir laufen zwölf athletische Alaskan-Huskys, geschmeidige Spitzensportler mit dickem Fell. Sie ziehen den Schlitten immer weiter und scheinen dabei eine unbändige Freude am Laufen zu haben. Ich stehe dick eingepackt auf den Schlittenkufen, halte mich gut fest und beobachte. Wenn es steil bergan geht, springe ich ab und helfe im Laufschritt den Schlitten zu schieben. Geht es wieder etwas leichter, springe ich wieder auf, beobachte und rufe vielleicht den Hunden etwas Motivierendes zu.

Wir gleiten durch menschenleere Landschaften: durch Wälder, über große Seen, über Bergpässe oberhalb der Baumgrenze, wo selbst keine Pflanzen mehr zu sehen sind, nur Himmel, Schnee und Weite. So geht es stundenlang voran, immer weiter, bis wir den nächsten Platz für eine Pause oder eine Rast über Nacht erreichen, vielleicht eine einsame Hütte oder einen geschützten Fleck im Wald.

In solchen Momenten bin ich nur im Hier und Jetzt, so wie unsere Hunde es immer sind. Ich achte darauf, dass es ihnen und mir gut geht, und genieße unsere gemeinsame Zeit in der Wildnis. Dass es da dann noch eine andere Welt, den Alltag gibt, vergisst man in solchen Momenten fast. Und manchmal verschwindet diese andere Welt sogar ganz. Dann gibt es nur noch die Hunde, die Landschaft, den Schnee und mich.«

LARS HOFFMANN

Alter: 46 // Heimat: Gargnäs, Schweden // Ausbildung: Industriemechaniker // Beruf: Abenteurer und Fotograf // Web: www.cold-nose-huskies.se

Nach vielen Reisen und abenteuerlichen Unterfangen ist Lars für sein aktuelles Projekt in Schwedisch Lappland angekommen. In Gargnäs, einem kleinen Ort zwischen zahlreichen Seen und Wäldern, haben sich seine Partnerin Malin und er ganz dem Aufbau eines Teams von Alaskan-Huskys verschrieben: Eines Tages wollen sie bei den extremsten Schlittenhunderennen, die teilweise über mehr als 1000 Kilometer durch Wildnisgebiete führen, vorne mitmischen. Wenn die beiden Outdoor-Enthusiasten nicht mit ihren Hunden auf Tour sind, trifft man sie beim Wandern in den Bergen oder in einem Kanu auf dem Fluss. Sollte Lars mal wieder in der Zivilisation unterwegs sein, findet man den bekennenden Heavy-Metal-Fan jedoch garantiert in einem Secondhand-Vinylladen.


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Text: Lars Hoffmann
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