Kolumne: Frühlingserwachen

Unsere Kolumnistin ist eine Multi-Outdoorsportlerin wie sie im Buche steht und – eh klar – am liebsten an der frischen Luft unterwegs. In der fünften Folge teilt sie mit uns ihre Frühjahrs-Träume.

Ich stehe auf der letzten Seite dieses Magazins. Darüber beschwere ich mich nicht. Keines­wegs. Ich mach’s eh nur des vielen Gelde­­s wege­­n. Allerdings finde ich: Wer es bis hierher geschafft hat, der hat gute Stimmung verdient. Jedem Ende wohnt ein Anfan­­g inne – und so steht diese Seite wie keine andere für Aufbruch. Da können die da vorne im Heft von ihren Abenteuern erzählen wie sie wollen. All die Expeditionen und Extravaganzen, die Be­steigungen und Befahrungen – ehrlich: alles alte Kamellen. Wir hier, wir schreiben unsere Geschicht­en noch.

Ich bin ein optimistischer, vorwärts­gewandter Mensch (zumal ich wahnsinnig vergesslich bin und mich schlichtweg nicht an Vergangenes erinnere). Um es mit einem musi­kalischen Vergleich greifbarer zu ­machen: Ich bin weniger »BuxWV 76« (­Klagelied des Barockkomponisten Dieterich Buxtehud­­e) und mehr »Here Comes the Sun« (Beatl­es bzw. George Harrison nach ­einer Mandeloperation).  

»Streifen wir die Schuhe ab und werfen die Socken hinterher.«

Trotz allem – trotz Putin und Frucht­fliegen, trotz Elternbeiräten und Bandscheiben – umarme ich also in diesem Frühling die Welt! (Und auch trotz der Finanzbehörde, die mir diese beträchtliche Summe, die ich als Kolumnistin verdiene, größtenteils wieder abknöpft, um einen Haushalt zu stopfen oder Faxpapier zu kaufen.)

Aufbruch also! Schälen wir uns aus dem Winterkokon und blinzeln in die Sonne. Pflücken wir ein zartes Blümchen und schieben wir es uns hinter die Ohren. Streifen wir die Schuhe ab und werfen die Socken hinterher. Jetzt können wir befreit Pläne schmieden.

Im Gegensatz zu den sieben Kardashians, fünf Klums und zwei Thomallas soll es bei uns nicht um Irrungen und Wirrungen, Popos und Posen gehen. Wir denken an Paddel und Passstraßen, an Trails und Fels, an Weiten und Wellen. Ich habe eine Liste an Wunschzielen, die ist länger als die Fingernägel von Florence Griffith-Joyner je waren: mit dem Rennrad in die Toskana, zum Biken auf La Palma, zum Essen nach Tel Aviv. Skandinavien ruft schon lang und die Provence, ach, die Provence.

»Wann, sagt der Zweifel, wann willst du das alles nur tun?«

Wie ich hier so liege auf der Wiese, »Here Comes the Sun« im Ohr, ein Marien­käfer auf der Nase, da pikst ein Steinchen im Rücken. Als möchte es mich aufwecken aus der Träumerei. Wann, sagt der Zweifel, wann willst du das alles nur tun? Du musst doch arbeiten.
Du musst Geld verdienen, um deinen Kühlschrank zu füllen und Haushalte zu stopfen. 

Du musst Kolumnen schreiben. Du musst telefonieren, teamsen, zoomen und meeten, um noch mehr zu schreiben. Du musst überall in den Alpen auf Hütten schlafen und darüber schreiben. Du musst nach Arizona, um in der Wüste zu biken und darüber zu schreiben. Weiter nach Utah, vielleicht noch Kalifornien, um Menschen in Nationalparks zu treffen und darüber zu schreiben. In Tirol wartet Arbeit und im Engadin ebenso. Im Allgäu die Familie und Freunde in Südtirol. 

Meine Füße werden ein wenig kalt. Es ist Frühling, noch kein Sommer. Aber hey, die Sonne ist gekommen, um zu bleiben. Ich
blinzle sie an, sie strahlt zurück. Trotz allem. Trotz wenig Zeit und vieler Ziele. Ich bleibe noch ein wenig liegen, um die Welt zu lieben und vom Aufbruch zu träumen.


SISSI PÄRSCH ist Autorin, fährt Ski, geht Laufen und Biken. Ursprünglich stammt sie aus dem Allgäu, zahlt viel Miete in München und ist doch meist auf Reisen. Sie mag Bewegung und Menschen sehr gern – genauso wie Kaffee und Einkehren.

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