Auf der Trans Bayerwald mit dem Mountainbike

Erlebnisreich wie eine Alpenüberquerung führt die Mountainbike-Reiseroute »Trans Bayerwald« durch die schönsten Gegenden des Bayerischen Waldes.

Meine ganze Seele hängt an dieser Gegend. Wenn ich irgendwo völlig genese, so ist es dort …« Dieses Gefühl formulierte Adalbert Stifter 1865 an seinen Freund Franz Xaver Rosenberger, bei dem er im gleich­namigen Rosenberger Gut am Fuße des Dreisessels verweilte. Stifter hat einen großen Schatz an Poesie über den Bayerischen Wald hinterlassen, doch der größere Schatz ist sein Thema – die Natur, Kultur und Menschen des Bayerischen Waldes. Um diese langsam und doch in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben, bietet sich das Mountainbike an und eine Durch­querung des Bayerischen Waldes auf der Trans Bayerwald – einer Mountainbike-Etappentour, die uns in zweimal sieben Tagen durch den Bayerischen Wald führt. Von Furth im Wald nach Passau über die Höhenzüge an der Donau und von Passau nach Furth im Wald über Drei­sessel, den Nationalpark und Arber.

Start der Trans Bayerwald in Passau

Unsere Reise startet in Passau, am Bahnhof. Der Einstieg ist perfekt per Bahn zu erreichen und bevor wir uns gemütlich entlang der Donau einradeln, erklimmen wir Passaus Wahrzeichen – die Veste Oberhaus. So entkommen wir schnell dem Tross aus Studierenden, Flusskreuzfahrenden und noch vielen mehr. Hier oben empfängt uns Ruhe und ein einzigartiger Blick über Passau. Bis 1918 wurde die Veste Oberhaus noch als Gefängnis genutzt. Charles de Gaulle, Passaus berühmtester Gefangener, ist ganze dreimal ausgebrochen und wurde letztendlich nach Ingolstadt ver­legt. Für Passau fand er wenig schmeichelhafte Worte – nachvollziehen können wir das nicht.

Großer-Arber-im-Bayerischen-Wald
David Karg Der Große Arber ist der höchste Berg im Bayerischen Wald und bietet einen tollen Ausblick.

Von der Veste Oberhaus werfen wir noch einen letzten Blick über die Dreiflüssestadt, die schon mehr mediterran-italienisch denn bayerisch wirkt. Wir überqueren die Ilz und folgen ab dem Zusammenfluss der drei Flüsse Donau, Ilz und Inn der Donau bis nach Obernzell. Von hier aus geht es nun endlich ins Gelände. Wir folgen einem kleinen, einsamen Tal immer weiter hinauf und verlieren uns nun langsam im Grün des Bayerischen Waldes. Dass es so schnell gehen würde, hätten wir nicht gedacht. Doch das ist vielleicht auch der Vorteil der Bahnanreise zur Etappen­tour – das Wegkommen vom Alltag gelingt doch noch einmal wesentlich schneller.

Etappenstopp am Graphitwerk in Kropfmühl

Die erste Station auf dieser Etappe ist das Graphitwerk in Kropfmühl. Hier wird noch aktiv gearbeitet, außerdem beherbergt es ein Besucherbergwerk. In einer umfangreichen Ausstellung und vor allem im Besucherstollen tauchen wir in die Bergwerkswelt ein, die wir im Bayeri­schen Wald ehrlicherweise nicht vermutet hätten. Das Graphit aus Kropfmühl wird zum Beispiel für die Produktion von Bleistiften verwendet. Auch für den, der unserem Starterpaket der Trans Bayerwald beilag. Und so haben wir die nächsten Tage ein noch innigeres Ver­hältnis zu unserer Reisedokumentation, die wir gewissen­haft im mitgelieferten Tagebuch festhalten.

Aus der Dun­kelheit heraus treten wir wieder ins Licht und radeln weiter. Wir nähern uns dem Ende des ersten Tages, doch vorher unternehmen wir noch einen Abstecher zum Aussichtsturm am Friedrichsberg. Durch einen dichten Wald führt uns ein schmaler Weg hinauf auf den Gipfel. Den Ausblick erkämpfen wir uns aber noch mit einigen Stufen, zu bewaldet ist der Friedrichsberg, als dass wir hier den Blick ins nahe Österreich, den Nationalpark und sogar bis in die Alpen einfach so schweifen lassen können.

Wollsackformationen am Gipfel des Dreisessels

Weiter geht es für uns über Oberfrauenwald und Waldkirchen zum eindrücklichen Dreisessel, über den schon Stifter schrieb. Von dort über ein ausgesprochenes Waldmeer am Haidel nach Mauth und dort in den Nationalpark Bayerischer Wald. Gerade der Dreisessel hinterlässt uns staunend. Hier auf über 1300 Metern Höhe schweift der Blick in die Ferne und bleibt doch in der Nähe hängen. Den faszinierenden Wollsackformationen am Gipfel verdankt der Dreisessel seine Bekanntheit. Wie von Riesen aufgeschichtet sehen sie aus.

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David Karg Durch den Bayerischen Wald – hier auf dem Weg zum Dreisessel.

Wir freuen uns auf eine anspruchsvolle, ziemlich spaßige Abfahrt hinab zur Dreisesselalm. Von hier aus tauchen wir ein in den Wald. Das Gebiet um den Haidel erscheint uns riesig, über viele Kilometer erblicken wir – bis auf unseren Weg und eine Pilgerstätte – kaum etwas Menschengemachtes, geschweige denn eine Menschenseele. An der Pilgerstätte in Kohlstattbrunn oberhalb von Grainet füllen wir unsere Trinkflaschen auf, schließlich soll das Wasser heilende Wirkung entfalten. Vielleicht regeneriert es ja auch.

Trans Bayerwald durch ältesten deutschen Nationalpark

In Mauth erreichen wir den Nationalpark. Der älteste deutsche Nationalpark feierte im Jahr 2020 seinen 50. Geburtstag. Eine eindrucksvolle Dokumentation entstand und in Vorbereitung auf unsere Reise las ich die Geschichte des Parks noch einmal aus der Sicht von Hans Bibelriether, dem ersten Leiter des Nationalparks. Eine Geschichte über Rebellionen, Überzeugungen und einen starken Glauben an natürliche Entwicklungen. Am Nationalparkzentrum Lusen in Neuschönau lassen wir unsere Bikes stehen und wandern ein wenig durchs Tierfreigelände. Hier sind zahlreiche Arten, die der Nationalpark beherbergt, zu sehen – auch wenn die markanten Luchse sich meist verstecken.

»Viele sind die Einheitlichkeit und Ordnung des Wirtschaftswaldes gewöhnt – dieser Anblick hier, das tote Holz, die »Unordnung« fordert sie heraus.«

Der Übergang vom Wirtschaftswald in den Nationalpark ist deutlich sichtbar und irgendwie auch spürbar. Der Wald wirkt wilder, zum Teil undurchdringlicher, weniger klar strukturiert. Für viele ist dieser Anblick eine Herausforderung, erzählt uns die Nationalpark-Rangerin, die wir vorm Tierfreigelände treffen. Viele sind die Einheitlichkeit und Ordnung des Wirtschaftswaldes gewöhnt – dieser Anblick hier, das tote Holz, die »Unordnung« fordert sie heraus. Wir sprechen mit ihr über den Outdoor-Boom in Corona-Zeiten und im Grunde sieht sie diesen positiv, denn er bringt Menschen in die Natur und schließlich können wir nur schützen, was wir auch kennen.

Unterwegs machen wir Pause in einem kleinen, feinen Lokal, das sich lokaler Produktion und Kulinarik verschrieben hat. Es bietet einen feinen Ausblick und eine noch feinere Küche. Eine perfekte Kombination und für uns der ideale Pausenplatz.

Gipfelabstecher auf den Großen Arber

Nach dem Nationalpark erklimmen wir ihn, den höchsten Berg des Bayerischen Waldes, den Großen Arber. Zu seinen Füßen liegt Bodenmais – ein wahres OutdoorMekka, im Sommer wie im Winter. Nach einem kleinen Gipfelabstecher treffen wir auf einen großen bärtigen Typen. Eine eindrucksvolle Gestalt und mittlerweile durchaus bekannt aus Funk und Fernsehen. Die Rede ist vom Woid Woife – ein ruhiger und äußerst naturbegeisterter Bodenmaiser, der für Gäste Wanderungen anbietet und über Waldtiere, Pflanzen und Naturräume informiert.

»Die kleinen Sachen sind für mich die schönsten, die es gibt. Weil, wer sich an dem Kleinen nicht mehr erfreuen kann, der hat das Große überhaupt nicht verdient. Früher hat man gesagt, wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Und ich sage, wer verlernt hat, dass er die Blaumeise da oben sieht, dass er sich da freut, der verdient es auch nicht, dass er einen großen Hirsch beim Röhren sieht.«

Woid Woife

Er zeigt uns den Mikrokosmos auf einem Baumstumpf und wir sind beeindruckt von dieser Hingabe. Mit ein paar weiteren Infos entlässt er uns zurück auf unsere Tour. Wir queren das Arbermassiv und kommen in den Lamer Winkel. Der Osser thront hoch über dem Tal. Wir nutzen das sonnige Wetter für einen erfrischenden Sprung in den Naturbadesee in Neukirchen. Die Trans Bayerwald führt uns vorbei an Hohenbogen bis zu unserem Ziel in Furth im Wald, den Čerchov immer im Blick. Es ist eine beinahe schon theatralische Einfahrt nach Furth im Wald, vorbei am Drachensee.

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David Karg Der »Woid Woife« ist ein Bodenmaiser Original. Er bietet Naturführungen an und möchte den Blick für die kleinen Dinge schulen.

Vielfalt und Ruhe im Bayerischen Wald

Mit einem Besuch in der Drachenhöhle, die den Drachen des Further Drachenstichs beherbergt, beenden wir unsere Tour. Und so holt uns dieses Fabelwesen, das hier als moderner Roboter doch so real ist, zurück in die Welt. Wir haben den Bayerischen Wald erlebt, seine Vielfalt und Ruhe, seine Genüsse und Wildnis, seine Weitblicke und Mikrokosmen. Ob wir wiederkommen und die Südroute befahren, ist dabei keine Frage. Die Frage ist lediglich wann.

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